25. Juli 2017

Vorstandsmitglied Irina Tscherkasjanowa im Interview für RBTH

- Jelena Bobrowa -

Deutsche Handwerker, Händler, Militärs, Wissenschaftler und Adlige spielten in der Geschichte Sankt Petersburgs eine große Rolle. Russia Beyond The Headlines sprach darüber mit Irina Tscherkasjanowa. Die promovierte Historikerin hat sich auf die Geschichte der Deutschen in Russland spezialisiert.

Die deutsche Reformierte Kirche an der Moika wurde die in den 1930er Jahren zum Kulturpalast der Fernmeldemitarbeiter umgebaut. / Alex Florstein Fedorov/Wikimedia Commons


RBTH: Wie kam es historisch dazu, dass die deutsche Gemeinde die größte Minderheit in der Hauptstadt des Russischen Kaiserreichs war?

Irina Tscherkasjanowa: Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man zwei Seiten dieser Entwicklung betrachtet. Die eine Seite: Zar Peter der Große lud die Deutschen ein. Er wollte vor allem das Militärwesen, den Handel und das Handwerk fördern. Zu diesem Zweck räumte Peter ausländischen Umsiedlern per Erlass einige Vorteile ein.

Die andere Seite: Wer ist dieser Einladung gefolgt? Zu Peters Zeiten kamen Handwerker, Kaufleute und Militärs aus deutschen Fürstentümern – also jene Gruppen, die das Imperium brauchte. Die größte Einwanderungswelle gab es jedoch in der Regierungszeit Katharinas II. (der Großen). Das heißt: Die wirtschaftliche Lage im Westen und das Überangebot dieser Fachkräfte in deren Heimat kam Russland zugute.

Neben Handwerkern, Kaufleuten und Militärs zog es auch viele Wissenschaftler und Adlige nach Russland. Können Sie dazu etwas sagen?  

Nehmen wir die 1724 gegründete Petersburger Akademie der Wissenschaften als Beispiel: Von den ersten 13 Akademikern waren neun Deutsche.

Während des Nordischen Krieges von 1700 bis 1721 zwischen Russland und Schweden, nach dessen Ausgang St. Petersburg gegründet wurde, wurden die Baltischen Staaten an Russland angeschlossen. Der gesamte baltische Adel war größtenteils deutschen Ursprungs. Er übernahm gerne Ämter im Russischen Kaiserreich – wir sehen die Nachkommen des baltischen Adels bis ins Jahr 1917.

Welche Rolle spielten die Deutschen in der Ära Katharinas der Großen?

Katharina hatte eine wichtige Aufgabe: Die riesigen Ländereien zu erschließen, die Russland während ihrer Regentschaft erlangt hatte. Zugleich wurden die Bauern zusehends unterjocht, während die Adligen immer mehr Privilegien und Bauern erhielten. Es gab einfach niemanden, der die neuen Landstriche hätte besiedeln können.

Die Landesgrenzen waren entblößt: Dort gab es keine nennenswerten Siedlungen – diese unbewohnten Gebiete brauchten dringend Arbeitskräfte. In Russland hätte man sie nirgends hernehmen können, also wurden 1762 und 1763 Manifeste erlassen, wonach Umsiedler massenweise in die freien Ländereien an der Wolga und am nördlichen Schwarzmeer strömten, meist über Lübeck. Dies waren aber vor allem Bauern und Handwerker, einfache Leute, keine Adligen und Offiziere.

Das war für die gesamteuropäische Politik des 18. Jahrhunderts typisch. Die Staaten „rissen“ die Bauern an sich, denn damals galt: Je größer die Bevölkerung, desto stärker und stabiler der Staat.

Wann entstanden die deutschen Gemeinden?

Unter Peter ist größtenteils ein Zuwachs an Stadtbevölkerung zu beobachten, unter Katharina nimmt die Landbevölkerung zu. Gerade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden um Sankt Petersburg herum deutsche Kolonien. Es waren nicht so viele wie an der Wolga und in Noworossija (heute ukrainisches Gebiet – Anm. d. Red.).

Die meisten verschwanden während des Zweiten Weltkriegs: Die Ischorskaja-Kolonie zum Beispiel, heute Telmana; die Strelninskaja, heute Gorbunki, wo nur ein lutherischer Friedhof erhalten geblieben ist; dann noch die Kronstadtskaja, Oranienbaumskaja, Peterhofskaja und Kipen. In Zarskoe selo gab es die Kolonie Friedental, die bis ungefähr 1919 existiert hatte und danach mehr und mehr zu einer Datschen-Siedlung wurde. Bis 1941 arbeiteten in diesen Kolonien deutsche Kolchosen.

Im 19. Jahrhundert waren etwa 20 Prozent hochrangiger Staatsbeamter deutscher Abstammung. War das auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch so?

Irina Tscherkasjanowa: Ja, zu Jahrhundertbeginn ist die überwiegende Mehrheit der Hofdiener des Zaren orthodox, an zweiter Stelle folgen aber die Deutschsprachigen. Auch in der Armee waren es ungefähr 20 Prozent, unter den Generälen und Offizieren. Und in der Leibgarde waren fast 50 Prozent deutschstämmig. Der Staatsrat, das höchste Beratungsorgan unter Nikolai II., bestand aus 202 Menschen, ein Viertel von ihnen waren Deutsche.

Bemerkenswert ist, dass die Deutschen an Russlands Gesamtbevölkerung nur 1,4 Prozent ausmachten, rund zwei Millionen Menschen – in den privilegierten Schichten waren sie aber breit vertreten.

In welchen Wirtschaftszweigen von St. Petersburg gab es die meisten Deutschen?

Die Wirtschaft des 18. Jahrhunderts unterscheidet sich sehr stark von der Industrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Deshalb muss man diese Frage in historischen Abschnitten betrachten.

Im Gewerbeamt der Stadt St. Petersburg wurden russische Schneider registriert ebenso wie ausländische. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren diese zahlenmäßig stärker vertreten, dabei waren die meisten Ausländer Deutsche. Das liegt daran, dass Peter der Große den Russen verboten hatte, Schneider zu werden, weil er die westliche Mode in Russland einführen wollte.

Der zweite ur-deutsche Beruf: Bäcker. Zudem gab es viele Ärzte und Apotheker, weil die Medizin an den deutschen Universitäten stark entwickelt war. Auch in der hochtechnologischen Industrie gab es viele Deutsche – also im Maschinenbau, der Stahlindustrie und Elektrotechnik. Die Firma Siemens zum Beispiel stellte die Stadtbeleuchtung her. Und die Flügel der Firma Becker waren sehr berühmt und von Pjotr Iljitsch Tschaikowski hoch geschätzt.

Gab es deutsche Viertel in der Stadt?

Markiert sind solche Viertel durch Kirchen. Das älteste Bauwerk – die Petrikirche – befindet sich auf dem Newski Prospekt neben dem Admiralitätsgebäude. Auf der Wassiljew-Insel waren deutsche Kaufleute in der Überzahl, dort arbeitete die Akademie der Wissenschaften, es gab einen Hafen und ein Zollamt.

Die Kirche der Heiligen Katharina auf dem Bolschoi Prospekt der Wassiljew-Insel ist bis in unsere Tage erhalten geblieben. Und im Handwerkerviertel Litejnaja Tschast wurde die Kirche der Heiligen Anna erbaut, in der Kirotschnaja Straße. An der Moika gab es eine reformatorische Kirche, die in den 1930er Jahren zu einem Kulturpalast der Fernmeldemitarbeiter umfunktioniert wurde.

Was ist von den deutschen Vierteln erhalten geblieben?

Das älteste Luther-Viertel existiert bis heute: Die Peterkirche und dahinter die Peterschule und an den Seiten zwei ehemalige Mietshäuser. Man kann nicht sagen, dass die Deutschen sich abgeschottet ansiedelten, aber ihre Anziehungspunkte hatten sie schon.

Die lutherischen Friedhöfe möchte ich besonders hervorheben. Leider kommt ihnen in unserer Zeit nicht so viel Aufmerksamkeit zu. In der Nekropole des Smolensker lutherischen Friedhofs dienen alte Grabplatten als Fußwegplatten, völlig verwahrlost ist das Grab von Boris Semjonowitsch Jakobi, dem Erfinder des Gleichstrommotors.

Erhalten sind der lutherische Friedhof Wolkowskoe und Strelninskoe. Daneben ist ein Denkzeichen aufgestellt worden, zum 200. Gründungstag der Kolonie durch die ersten Umsiedler.

Die Umbrüche des 20. Jahrhunderts – der Erste Weltkrieg, die Revolution – haben eine tragische Spur in der Geschichte der Russlanddeutschen hinterlassen. Wie kam es zu dieser Germanophobie, die zu Kriegsbeginn in Russland ausbrach?

Der Ausbruch war in der Tat kolossal, wurde größtenteils künstlich erzeugt und hatte weitreichende, tragische Folgen.

Solange einzelne deutsche Fürstentümer existierten, war alles einigermaßen ruhig. Als Deutschland sich aber vereinte und entschlossen in die erste Reihe Europas vordrang, wuchs die Unzufriedenheit mit den Deutschen schon Ende des 19. Jahrhunderts allmählich an. Der Erste Weltkrieg hat diese Prozesse beschleunigt.

Auf der Ebene der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Dynastien war der Krieg absoluter Unsinn: Ein Cousin – der deutsche Kaiser Wilhelm II. – und eine Cousine – die russische Kaiserin Alexandra Fjodorowna – führten gegeneinander Krieg. Zum Ausbruch germanophober Stimmungen kam es größtenteils im Herbst 1914, obwohl tiefergreifende und entschiedene Maßnahmen erst 1915 getroffen wurden.

Die Öffentlichkeit reagierte sofort. Am 19. Juli wurde der Krieg erklärt, am 22. Juli wurde bekannt, dass der kaiserliche Zug von Maria Fjodorowna, der Mutter Nikolais II., in Deutschland aufgehalten und nicht nach Russland durchgelassen wird. Sobald dies bekannt war, wurde noch am selben Abend die neue deutsche Botschaft am Isaaksplatz verwüstet. In den umliegenden Vierteln gab es Pogrome, die Redaktion der „Petersburgischen Zeitung“ wurde gestürmt.

Was hatte das mit den Deutschen von Petersburg zu tun?

Gar nichts: Sie provozierten die Konflikte nicht und zeigten vom ersten Tag an ihre Loyalität gegenüber dem russischen Zaren. Ja, es gab viele ausländische Bürger, aber an der Finanzierung der deutschen Armee beteiligten sie sich nicht. Sie verdienten einfach ihr Geld, lebten hier seit Jahrzehnten.

Der Kinderarzt Karl Andrejewitsch Rauchfuß zum Beispiel gründete die erste Kinderklinik von Sankt Petersburg und war deren erster Chefarzt. Bis 1865 war er deutscher Staatsbürger, ohne jemals in Deutschland gelebt zu haben. Viele lebten so, ohne dem große Bedeutung beizumessen.

Mit dem Kriegsausbruch begann die Hexenjagd nach Spionen. Es kam einer Massenpsychose gleich. Ihr fielen zuallererst Offiziere und Bildungsbürger mit deutschen Nachnamen zum Opfer. Deutsche Vereine wurden verboten, auch die Mitgliedschaft in russischen Organisationen war Ausländern von da an untersagt. Die Akademie der Wissenschaft wurde gezwungen, ihre ausländischen Ehrenmitglieder auszuschließen. In der Öffentlichkeit, auf der Straße, wurde es unmöglich, Deutsch zu sprechen, Predigten in deutscher Sprache und Deutschunterricht wurden verboten. In Petersburg wurden an die zehn deutsche Zeitungen geschlossen, Aushängeschilder entfernt. Das Ganze wurde bis ins Abstruse getrieben: Es kam soweit, dass man nicht wusste, in welcher Sprache Grabschriften geschrieben werden durften.

Aus diesem Grund wurde auch die Hauptstadt umbenannt. Wie reagierte die Öffentlichkeit darauf?

Ja, einen Monat nach Kriegsbeginn wurde die Umbenennung der Stadt angeordnet, von Petersburg in Petrograd, und größtenteils stieß das auf Begeisterung. Unzufriedene gab es innerhalb der Intelligenzija: Wenn man die Stadt ihres historischen Namens beraube, rühre man an der Seele der Stadt. Dadurch habe man auf die eigene Geschichte und einen sehr wichtigen Namenszusatz – das Wort „Sankt“ für „Heilig“ – abgeschlagen. Danach wurden im Russischen Kaiserreich alle Ortschaften umbenannt, die ein „Burg“, „Feld“ oder „Wald“ in ihrem Namen trugen.

Welche Folgen hatte die Germanophobie für die Wirtschaft?

Zunächst war die Anti-Deutschland-Kampagne oberflächlich, erst später griff sie auf die Wirtschaft über. Die Folgen waren dennoch gravierend.

1915 wurden sogenannte Liquidationsgesetze erlassen: Den Deutschen wurde das Recht auf Grundbesitz und -nutzung entzogen. Sie mussten ihren Grund und Boden verkaufen. Das waren oft große Grundstücke. In der Landwirtschaft waren die Deutschen sehr präsent – das Mehl für Petersburg und Moskau beispielsweise kam aus den Wolga-Kolonien. Erst die provisorische Regierung hob diese Gesetze im März 1917 wieder auf.

Schon 1915 wurden Deutsche zudem aus den Grenzregionen deportiert. Die Deutschen von Wolyn etwa (heute ukrainisches Gebiet, Anfang des 20. Jahrhunderts Teil des Russischen Kaiserreichs – Anm. d. Red.) wurden zu Tausenden in den Ural oder nach Sibirien verbannt.

1916 wurde innerhalb des Ministerrats ein Ausschuss zum Kampf gegen deutschen Einfluss gegründet – seitdem wurden alle Verbote vom Zaren oder von Ministerien bestätigt. Vor allem das politische und militärische Establishment trug die Verantwortung dafür, was mit den Deutschen passierte. Die Menschen wurden als Zivilgefangene interniert, aus Großstädten verbannt, viele gingen selbst weg. Zwischen 1913 und 1921 ging die deutsche Bevölkerung Petrograds um die Hälfte zurück.

Spürten sie die herannahende Revolution?

Ihnen war bewusst, wie schlecht es ist, dass Krieg herrscht. Innerhalb der russischen Intelligenzija und unter den Deutschen wurden immer wieder Stimmen laut, die sich für eine Revolution einsetzten. Der Schriftsteller und Übersetzer Kornej Tschukowski zum Beispiel war gegen diese Hysterie und Feindseligkeiten.

Die nüchtern denkende Intelligenzija verstand, dass die Erscheinungen vorübergehend waren und mit dem großen deutschen Volk, seiner Sprache und Literatur nichts zu tun hatten – und schon gar nicht mit jenen Deutschen, die dem russischen Hof und Staat über Jahrhunderte hinweg treu gedient hatten.

Die Unzufriedenheit mit dem Krieg, mit der Politik, die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage schufen die Voraussetzungen für die Revolution. Je weniger Erfolge es an der Front gab, desto mehr verstanden alle, dass der Krieg nicht gut ausgehen würde. Die Deutschen, die während des Krieges gelitten hatten, begrüßten das Abdanken des Zaren mit Begeisterung.

Einer der wenigen Gegner des Krieges gegen Deutschland war der Politiker Sergej Witte, dessen Vater Deutscher war. Uns ist bekannt, dass er davor warnte, der Krieg könne mit Umstürzen in Deutschland und Russland enden. Sein Fehler war nur, dass die alte Ordnung zunächst in Russland und nicht in Deutschland zusammenbrach.

Quelle: Die Deutschen und Sankt Petersburg: Eine lange Geschichte, in: Russia Beyond The Headlines (Teil 1) und Sankt Petersburg im Ersten Weltkrieg: Alles Deutsche verboten, in Russia Beyond The Headlines (Teil 2)

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