25. September 2016

In Fulda fand das Kulturhistorische Seminar statt

- Olga Silantjewa -

Vom 8. bis 12. September fand in Fulda, in Hessen, unter der Schirmherrschaft der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, ein kulturhistorisches Seminar statt, dass der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) gemeinsam mit dem Institut für ethnokulturelle Bildung organisiert hatte.



Vom 8. bis 12. September fand in Fulda, in Hessen, unter der Schirmherrschaft der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, ein kulturhistorisches Seminar statt, dass der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) gemeinsam mit dem Institut für ethnokulturelle Bildung organisiert hatte.

Ort und Zeit waren nicht zufällig gewählt: Insgesamt drei Bundesländer, Hessen, Bayern und Sachsen, veranstalten regelmäßig einen Gedenktag für die Opfer von Vertreibung und Deportation und erinnern damit an die Tragödie von 14 Millionen Deutschen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges aus Ländern in Mittel- und Osteuropa vertrieben wurden sowie an die Repressalien, denen die Deutschen in der UdSSR zwischen 1941 und 1956 ausgesetzt waren. In Hessen fanden die Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr eben am 11. September statt, und die Seminarteilnehmer waren als Gäste der Hessischen Landesregierung dazu eingeladen.

Übrigens gibt es nur noch hier nach wie vor noch den Posten eines Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler (zur Erinnerung: Deutschland hat insgesamt 16 Bundesländer). „Ich bin in gewisser Weise ein Unikum“, sagte Margarete Ziegler-Raschdorf bei der Begrüßung der Seminarteilnehmer und erläuterte ihnen, warum das Thema von Deportation und Vertreibung für Hessen nach wie vor so wichtig ist, dass es in der Landesregierung eine Person gibt, die sich der Probleme von Russland-, Sudeten-, Polen-, Rumäniendeutschen u. a. annimmt, die das Schicksal nach Hessen verschlagen hat. „Die Deutschen in der Bundesrepublik wissen, dass sie keine Kriegsopfer sein können. Daher ist ihr Selbstbewusstsein nur gering ausgeprägt, wenn es um uns selbst und die um die eigene Geschichte geht. Wir müssen daran arbeiten, dass sich diese Situation ändert.“ Wie die Landesbeauftragte erzählte, soll im Fragenkatalog für Abschlussprüfungen schon bald auch das Thema der nach dem Krieg aus den Ländern Europas vertriebenen Deutschen geben. Obwohl man sich derzeit an den Schulen mit diesem Thema nur fakultativ befasst, wird allein die Tatsache, dass in den Prüfungen dazu auch Fragen gestellt werden können, die Kinder dazu anregen, sich zumindest mit dem Thema vertraut zu machen.

Die Idee der Partnerschaft

Das kulturhistorische Seminar ist ein deutsch-russisches Partnerschaftsprojekt. Als Gastgeber fungierte in Fulda die Regionalgruppe der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die ein Partner des IVDK ist.

Die Idee des Seminars erscheint auf den ersten Blick simpel: Man trommelt junge Leute zusammen, die die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erforschen, lädt hoch qualifizierte Fachleute aus beiden Ländern ein und leistet den zukünftigen Wissenschaftlern mit Beratungen und Konsultationen Starthilfe für ihre wissenschaftliche Karriere. Während Professoren und Fachleute bereitwillig die Einladung der Organisatoren zur Zusammenarbeit mit jungen Menschen annahmen, war es gar nicht so einfach, Studenten und Doktoranden zu finden, die sich beruflich mit der Erforschung von Gegenwart und Vergangenheit der deutschen Minderheit in Russland befassen. Wie dem auch sei, ca. 30 junge (und auch nicht mehr ganz so junge) Menschen aus Russland und Deutschland sowie zehn Referenten kamen auf dem Seminar zusammen.

„Von einigen wissenschaftlichen Projekten in Deutschland zur Erforschung von Sprache und Geschichte der Deutschen erfahren wir erst aus Berichten der Bundesregierung“, erläuterte Olga Martens bei der Eröffnung des Seminars dessen Grundanliegen. Die stellvertretende Vorsitzende des IVDK hatte den Anstoß zu diesem Seminar gegeben. „Wir finden es z. B. bedauerlich, dass wir uns nicht am Aufbau der elektronischen Datenbank zu den russlanddeutschen Dialekten beteiligt haben, die in Mannheim entwickelt wurde. Wir können auch nicht an allen wissenschaftlichen Konferenzen teilnehmen. Das liegt daran, dass nicht alle Wissenschaftler aus Russland in der Lage sind, ihre Forschungsergebnisse in deutscher Sprache zu präsentieren.“ Ein solches Seminar, zu dem Professoren aus Russland und Deutschland eingeladen wurden, ermöglicht es jungen russischen Wissenschaftlern, so die Idee, ihre Projekte deutschen Fachleuten vorzustellen und deren Meinung dazu hören. Deutsche Wissenschaftler wiederum können die Meinung russischer Fachleute einholen. Und alle zusammen können verschiedene Sichtweisen zu ein und dem selben Thema und unterschiedliche Positionen verschiedener wissenschaftlicher Schulen kennenlernen.

Die Präsentation von Online-Projekten

Ein Themenbereich für sich war die Präsentation von wissenschaftlichen Online-Projekten des IVDK. Das geschah, um die Teilnehmer über die Möglichkeiten zu informieren, die der IVDK sowohl für wissenschaftliche Untersuchungen, als auch für die gemeinsame Arbeit empfiehlt. Zu diesen Projekten gehört z. B. „Die neue illustrierte elektronische Enzyklopädie der Deutschen in Russland“. Im Jahre 2015 erhielt das Projekt einen mächtigen Impuls, da es Unterstützung von der russlandweit agierenden Organisation, der Gesellschaft „Snanie“ [dt.: „Wissen“], bekam. Durch den Einsatz der Zuwendungen der Gesellschaft „Snanie“, die seit Oktober vergangenen Jahres wirken, konnte die Enzyklopädie erweitert und mit über 90 neuen enzyklopädischen Termini ergänzt werden. Außerdem wurde sie durch ein annotiertes Verzeichnis der Beiträge zur russischsprachigen Variante des Registers der Enzyklopädie erweitert. Darunter befinden sich auch 36 erstmals in der russischen Historiografie von Olga Litzenberger, der führenden Spezialistin für Religionsgeschichte der Russlanddeutschen, für die Enzyklopädie verfasste Beiträge zur Geschichte einzelner deutscher Kolonien im Wolgagebiet und deren jetziger Situation. Olga Andrejewna war auf dem kulturhistorischen Seminar übrigens Co-Referentin der Sektion für Religionsgeschichte.

Sämtliche Online-Projekte des IVDK (neben der Enzyklopädie gehören dazu auch die elektronische Bibliothek, das Siedlungsverzeichnis, die Datenbank der von Repressalien Betroffenen und das Online-Museum) werden auf dem Informationsportal der Russlanddeutschen RusDeutsch.eu angeboten. Man kann davon ausgehen, dass die Seminarteilnehmer ebenso wie die Referenten zukünftig moderne Ressourcen noch aktiver einsetzen und sich an deren Weiterentwicklung beteiligen.

Der Effekt der „Volksdiplomatie“

Nach der Eröffnung des Seminars sowie der Präsentation neuer Verlags- und Online-Projekte des IVDK verteilten sich die Seminarteilnehmer auf die einzelnen Sektionen. Im Angebot waren fünf Sektionen: Geschichte der Russlanddeutschen, Religionsgeschichte (im Kontext des 500. Jahrestages der Reformation, der im kommenden Jahr begangen wird), Sprache und Dialekte der Russlanddeutschen, russlanddeutsche Literatur, Ethnografie und Museologie. In jeder Sektion gab es zwei Referenten, jeweils einer aus Deutschland und aus Russland. Alle Referenten sind allgemein bekannte Persönlichkeiten auf ihrem jeweiligen Gebiet.

„Solche Veranstaltungen halte ich für sehr wichtig und aktuell, sowohl für Deutschland, als auch für Russland. Das Seminar war insgesamt interessant und bot den Teilnehmern die Möglichkeit, wissenschaftliche Kontakte zu knüpfen, sich Forschungsthemen herauszusuchen und mit Fachleuten unterschiedlicher Fachrichtungen, wie Geschichte, Religion, Literatur, Sprachwissenschaft usw., ins Gespräch zu kommen, stellte Prof. Viktor Dönninghaus, stellvertretender Direktor des Lüneburger Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e. V. (IKGN) an der Universität Hamburg und Co-Referent der Sektion „Das gesellschaftspolitische Leben der Russlanddeutschen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert“, im Ergebnis des Seminars fest.

„Solche Seminare bringen junge Wissenschaftler aus Russland und Deutschland einander näher und ermöglichen es, mehr von einander zu erfahren“, ist Prof. Arkadi German überzeugt. „So funktioniert die sogenannte Volksdiplomatie, durch die es möglich wird, dass sich die Jugend und die Völker beider Staaten insgesamt näher kommen und einander verstehen.“

Теги: #Kulturhistorisches Seminar

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